Ein Schatz aus der Zeit Goethes und Schillers

Es gibt Dinge, die sich für Geld nicht erwerben lassen, weder bei den großen Onlinehändlern aus den USA und China noch in den Kaufhäusern dieser Welt. Der Grund liegt auf der Hand: Solche Dinge besitzen für ihre Eigentümer einen Wert, der sich jeder Bezifferung entzieht. Ein solcher Schatz ist ein Album Amicorum, das mehr als hundert Einträge beinhaltet, entstanden um die Jahre 1780 bis 1790, überwiegend im süddeutschen Raum um Stuttgart.

Freundschaftsbücher dieser Art waren unter gebildeten Bürgern jener Epoche eine verbreitete Mode. Es waren zumeist männliche Studiengenossen mit Verbindungen zu Künstlern und Gelehrten, die solche Bücher führten und darin Spuren ihrer Begegnungen sammelten. In meinen Händen halte ich ein Exemplar, dessen einstiger Besitzer, wie es scheint, ursprünglich aus dem bayerischen Arnstein stammte. Die teils verblassten, in mehreren Sprachen verfassten Einträge sind in Kurrent- und Frakturschrift niedergelegt und oft nur mit Mühe zu entziffern.
Ein Beitrag ist offenbar von Johann Friedrich Jünger, der Kontakt zu Friedrich Schiller pflegte. Er lernte ihn 1785 durch den Verleger Georg Joachim Göschen kennen und verbrachte mit Schiller und dessen Freundeskreis den Sommer desselben Jahres in Gohlis bei Leipzig.

Was mich an diesem Album vor allem fasziniert, ist die Zeit, aus der all seine Einträge stammen. Die Dekade von 1780 bis 1790 war eine außergewöhnlich ereignisreiche Zeit: der Übergang von der Aufklärung zum Sturm und Drang und schließlich zur Weimarer Klassik, der Höhepunkt der Wiener Klassik in der Musik sowie die Vorboten der Romantik in der Malerei. Es sei nur an einige Zeitgenossen erinnert: Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Friedrich Schiller (1759–1805), Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), Friedrich Hölderlin (1770–1843), Matthias Claudius (1740–1815), Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791), Joseph Haydn (1732–1809), Ludwig van Beethoven (1770–1827), Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788), Francisco Goya (1746–1828), Angelika Kauffmann (1741–1807), Daniel Chodowiecki (1726–1801), Immanuel Kant (1724–1804) und Moses Mendelssohn (1729–1786). Ein weiterer Eintrag stammt beispielsweise von Christian Wilhelm Ketterlinus (1766–1803). Er war ein deutscher Kupferstecher aus Stuttgart und wurde später als Hofkupferstecher nach St. Petersburg berufen.

Für die gegenwärtige Renaissance alter Werte bietet dieses Album ein eindrucksvolles Zeugnis davon, mit welchem Respekt und welcher Wertschätzung die Menschen jener Zeit einander begegneten. Neben den sorgfältig gewählten Texten und Formulierungen zeugen auch ein gutes Dutzend Illustrationen davon, wie viel Mühe und Hingabe dem einstigen Besitzer entgegengebracht wurde. Dies sind keine flüchtigen Botschaften, die vielleicht gar von künstlicher Intelligenz erzeugt wurden. Jeder Buchstabe, jede Handschrift zeugt von ihrem Urheber.
Was dieses Album so kostbar macht, ist nicht allein sein historischer Wert, sondern die zeitlose Lektion, die es in sich trägt. Jeder Eintrag ist Ausdruck einer Haltung: Wer einem anderen Menschen Zeit, Sprache und Gedanken schenkt, statt sie ihm flüchtig hinzuwerfen, hinterlässt eine Wirkung, die über Jahrhunderte hinweg nachhallt.

Genau darin liegt der Kern dessen, was wir am Institut für charismatisches Führen lehren und erforschen: Charisma entsteht nicht durch Lautstärke oder Tempo, sondern durch echte Zuwendung, durch die Kunst, einem Menschen mit Sorgfalt und Respekt zu begegnen. Die Zeitgenossen dieses Albums ob Dichter, Komponisten, Denker oder Kupferstecher verstanden diese Kunst meisterhaft. Ihr Vermächtnis ist mehr als ein historisches Dokument; es ist ein Fundus für all jene, die auch heute Menschen führen, bewegen und inspirieren wollen.
Deshalb hüte ich dieses Büchlein nicht nur als persönlichen Schatz, sondern als lebendige Quelle für unsere Arbeit.
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