Führung ist kein Rollenspiel. Wer Mitarbeitende lediglich als Träger zugewiesener Funktionen begreift, verfehlt das Wesen dessen, was eine Organisation im Innersten zusammenhält. Dennoch hat sich in zahlreichen Unternehmen ein Führungsverständnis durchgesetzt, das in Rollen, Zuständigkeiten und Schnittstellen, jedoch nicht in Beziehungen denkt.
Der vorliegende Beitrag vertritt die These, dass dieses Denken die Lebendigkeit einer Organisation untergräbt und eine Inszenierung an ihre Stelle setzt. Dem wird das Bild des lebendigen Organismus gegenübergestellt, in dem jedes Glied in das andere greift und keines entbehrlich ist.
Die Logik der Rolle
Der Begriff der Rolle entstammt dem Theater. Etymologisch verweist er auf die Schriftrolle, von der der Schauspieler einst seinen Text ablas. Schon in diesem Ursprung liegt ihr Kern: Die Rolle ist ein vorgegebener Text, den ein Einzelner vorträgt, ohne ihn selbst verfasst zu haben.
Ralf Dahrendorf hat in seinem Werk Homo Sociologicus beschrieben, wie sehr der Mensch in modernen Gesellschaften als Bündel von Rollenerwartungen erscheint. Was als soziologische Diagnose gedacht war, ist in vielen Unternehmen zur unausgesprochenen Führungsanweisung geworden.
Führungskräfte, die in Rollen denken, unterteilen ihr Team in klar abgegrenzte Zuständigkeiten. Jeder Mitarbeiter erhält eine Funktion und bestenfalls eine Stellenbeschreibung mit einem klar umrissenen Verantwortungsbereich. Was zunächst nach Ordnung und Effizienz aussieht, erzeugt bei näherer Betrachtung einsame Inseln.
Die Einzelnen erfüllen zwar ihre Aufgabe, doch zwischen ihnen entsteht kein Zusammenhang, der über die formale Schnittstelle hinausreicht. Verantwortung endet an der Grenze der eigenen Rolle. Was zwischen den Rollen liegt, gehört niemandem und wird daher von niemandem getragen.
Die Organisation als Organismus
Dem Inselbild der Rollen steht das Bild des lebendigen Organismus gegenüber. Die Vorstellung vom Gemeinwesen als Leib ist alt und reicht von der Fabel des Menenius Agrippa bis zum Gleichnis vom Leib und seinen Gliedern im ersten Korintherbrief des Paulus.
In einem Organismus existiert kein Glied für sich allein. Jedes greift in das andere, jedes ist vom anderen abhängig, und gerade aus dieser wechselseitigen Angewiesenheit erwächst die Kraft des Ganzen. Die Hand vermag nichts ohne den Arm, der Arm nichts ohne die Schulter, und alle zusammen bleiben wirkungslos, wenn der Kreislauf sie nicht versorgt.
Übertragen auf eine Organisation bedeutet dies: Mitarbeitende sind nicht Inhaber von Positionen, sondern Glieder eines gemeinsamen Leibes. Ihr Wert bemisst sich nicht allein an der Leistung im eigenen Aufgabenfeld, sondern ebenso an dem, was sie für die anderen ermöglichen.
Ein Organismus kennt keine Grenzen, an denen das Leben aufhört, sondern nur Übergänge, an denen es sich fortsetzt. Führung in diesem Sinne bedeutet demnach, Verbindungen zu stiften, statt Grenzen zu ziehen.
Die unscheinbaren Glieder
Kein Glied ist unwichtig oder überflüssig. Bereits bei Paulus ist der bemerkenswerte Gedanke zu finden, dass gerade die scheinbar schwächeren Glieder des Leibes die unentbehrlichsten sind. Der menschliche Körper bestätigt diese Einsicht, denn seine lebenswichtigsten Organe verrichten ihre Arbeit im Verborgenen.
In Organisationen verhält es sich nicht anders. Da ist die Kollegin in der Buchhaltung, deren Sorgfalt niemand bemerkt, solange keine Fehler geschehen. Da ist der Mitarbeiter am Empfang, der jedem Gast den ersten Eindruck des Hauses vermittelt. Und da ist die stille Fachkraft, deren Wissen erst sichtbar wird, wenn sie fehlt.
Sie alle tragen zum Ganzen bei, ohne im Rampenlicht zu stehen. Eine Führungskraft, die ausschließlich die Glänzenden fördert, schwächt den Organismus an seinen verletzlichsten Stellen.
Charismatische Führung erkennt diese Mitarbeiter, würdigt sie und fördert sie gezielt. Förderung bedeutet in diesem Kontext nicht Nachsicht, sondern Zutrauen. Wer heute noch schwächer wirkt, birgt oft ein Potenzial, das sich erst unter aufmerksamer Begleitung entfaltet.
Wo Empathie und Authentizität verloren gehen
Wenn in Rollen gedacht wird, verändert sich die Sicht auf den Menschen. Man sieht nicht mehr die Person, sondern ihre Funktion; nicht mehr das Gegenüber, sondern den Rollenträger. Empathie setzt jedoch voraus, den anderen in seiner Ganzheit mit seinen Sorgen, Fähigkeiten und Grenzen wahrzunehmen. Eine Rolle hat keine Sorgen, sie hat lediglich Erwartungen zu erfüllen.
Ebenso leidet die Authentizität. Wer selbst eine Rolle spielt, spricht nicht mehr aus eigener Überzeugung, sondern nach Drehbuch. Mitarbeitende spüren sehr genau, ob ihnen eine Führungskraft als Mensch oder als Darsteller einer Position begegnet. Vertrauen entsteht jedoch niemals zwischen Masken.
So verwandeln sich Unternehmen allmählich in Theater, auf deren Bühnen wechselnde Stücke gegeben werden: Heute ist es das Stück der Transformation, morgen jenes der Agilität und übermorgen eines über Wertschätzung. Die Kulissen werden ausgetauscht und die Texte neu verteilt, doch hinter dem Vorhang bleibt alles beim Alten.
Das Publikum – Kunden ebenso wie Mitarbeitende – durchschaut die Inszenierung früher oder später. Zurück bleiben Ermüdung, Zynismus und der stille Rückzug derer, die eigentlich mitgestalten wollten.
Charismatische Führung als Gegenentwurf
Häufig wird Charisma mit Bühnenpräsenz verwechselt. Max Weber verstand darunter eine als außeralltäglich empfundene Qualität einer Persönlichkeit, die anderen Orientierung gibt. In unserem Verständnis ist Charisma das genaue Gegenteil einer Inszenierung: Es entsteht dort, wo Haltung und Handeln übereinstimmen, wo eine Führungskraft authentisch ist.
Für die Praxis ergeben sich daraus drei Konsequenzen:
- Beziehungen vor Zuständigkeiten. Aufgaben werden so verteilt, dass sie ineinandergreifen. Die Führungskraft achtet nicht nur darauf, dass jeder seine Arbeit tut, sondern auch darauf, dass die Arbeit des einen die des anderen trägt.
- Aufmerksamkeit für das Unscheinbare. Wer führt, richtet den Blick bewusst diejenigen, die nicht von selbst auffallen und investiert gezielt in deren Entwicklung.
- Echtheit statt Rolle. Die Führungskraft begegnet ihren Mitarbeitenden als Mensch, mit Überzeugungen, Zweifeln und Verbindlichkeit. Nur so entsteht jenes Vertrauen, ohne das kein Organismus gedeihen kann.
Schluss
Eine Organisation ist kein Theater, und Führung ist kein Rollenspiel. Wenn Menschen auf ihre Funktion reduziert werden, entsteht bestenfalls eine geordnete Ansammlung von Inseln, aber niemals ein lebendiges Ganzes.
Charismatische Führung begreift das Unternehmen als Organismus, in dem jedes Glied gebraucht wird und gerade das Unscheinbare Beachtung verdient. Wer so führt, steht nicht über diesem Organismus, sondern ist selbst eines seiner Glieder, verbunden mit allen anderen, auf sie angewiesen und ihnen verpflichtet. Darin liegt keine Schwäche, sondern die eigentliche Stärke von Führung.